VR-Game Déraciné im Test

VR Games für Playstation 4

Zusammenfassung: In Déraciné sucht ihr als Geist ein ein Internat heim, doch eure wohlgemeinte Hilfe führt unweigerlich in die Katastrophe. Obwohl die Story überzeugt, zeigen sich bei From Softwares VR-Adventure-Debüt einige Schwächen.

Inhaltsverzeichnis

From Software (Dark Souls, Bloodborne) kennt man als Experten für Rollenspiele mit knackigem Kampfsystem und rätselhaften Hintergrundgeschichten. Das VR-Adventure Déraciné , angekündigt auf der E3 ein halbes Jahr vor Release, wartet nur mit einer der beiden Spezialiäten des Studios auf, nämlich mit einer nebulösen Story. Als Geistwesen begleitet ihr Schüler eines merkwürdigen Internats und greift in deren Leben ein – wer und warum ihr seid, erfahrt ihr im Verlauf des vier- bis sechsstündigen Abenteuers, vorausgesetzt, ihr verfolgt die verwirrenden Zeitsprünge aufmerksam und reimt euch aus kleinen Hinweisen die Vorgeschichte zusammen. Oder ihr lest unsere Story-Zusammenfassung im markierten Spoiler-Bereich des Artikels.

VR Game Déraciné

Verhext

Als eine Art Fee interagiert ihr auf einfachste Art und Weise mit den Bewohnern der Schule. Gesteuert wird mit zwei Move-Controllern. Die kleine Rozsa glaubt an eure Existenz, nachdem ihr die Kiste aufgeschlossen habt. Auf Knopfdruck teleportiert ihr euch von Markierung zu Markierung, mit euren Geistergriffeln krallt ihr euch allerlei Objekte, untersucht sie, steckt sie ein und hört die Gedanken der Kinder und Erwachsenen. Die können euch zwar nicht sehen, aber durch das Manipulieren von Gegenständen macht ihr sie auf eure Anwesenheit aufmerksam. Dazu kommen zwei sehr mächtige Geisterfähigkeiten: mit der Taschenuhr, die ihr in der linken Hand haltet, reist ihr durch die Zeit, und mit dem Ring an der rechten Hand speichert ihr die Lebensenergie von Pflanzen, Tieren und Menschen. Richtig, Menschen: Typisch für From Software erlebt ihr eine tragische Geschichte rund um Reue, Schuld und Verlust, anstatt Blümchen zu pflücken und Hundewelpen zu streicheln.

Playbook

Das Spielprinzip und die Rätsel sind simpler, als es die Zeitreisen vermuten lassen, zumal die Uhr in eurer linken Hand stets Hinweise gibt, was als Nächstes zu tun ist. In die Vergangenheit und Zukunft springt ihr nur, sobald ihr alles Nötige erledigt habt, Déraciné ist ein lineares Abenteuer, abgesehen von marginalen Unterschieden (etwa andere Dialoge), die von einer Handvoll eurer Entscheidungen abhängen. Das bemerkt man aber nur, wenn man einen zweiten Durchgang wagt (New Game Plus gibt's nicht) oder sich Playthroughs anderer Spieler ansieht. Das Internat ist schön umgesetzt und liebevoll gestaltet. Rätsel-Experten werden unterfordert: Wer Adventure-­Erfahrung hat, kommt schnell darauf, dass man Katzen mit einem Spielzeug weglockt und Fackeln mit einer Kerze anzündet. Ihr tut euch jedoch keinen Gefallen, wenn ihr durch die Gänge rast und die Puzzles schnell abhakt, denn für das Verständnis der Handlung solltet ihr Dokumente, Objekte und auch die Umgebung genau unter die Lupe nehmen. Für ganz ambitionierte Naturen sind in der Schule acht Münzen versteckt – wir fanden beim ersten Durchspielen trotz Hinweis keine einzige.

Spielszene Déraciné

VR sinnvoll eingesetzt?

VR ist so eine Sache: Nicht jeder hat die erforderliche Hardware und mag das Spielgefühl. Rein technisch betrachtet ist die Virtu­al-Reality-Erfahrung in Déraciné ordentlich umgesetzt: In manchen Momenten müsst ihr euch strecken oder den Kopf neigen, um mit Objekten zu interagieren. Allerdings zeigt sich der Titel wegen der eingeschränkten Bewegung per Teleportation an vorbestimmte Orte – und das als Geist! – weniger immersiv als gedacht. Zumal euer Bewegungsradius oft unlogisch eingeschränkt wird. Vom Dach herunter in den Garten könnt ihr euch etwa nicht teleportieren, später aber problemlos einen tiefen und nur schwer zugänglichen Aufzugsschacht erkunden. Eine Umsetzung von Déraciné als stinknormales Adventure wäre sicher möglich gewesen. Dazu kommen typische VR-Problemchen wie Kantenflimmern und eine vergleichsweise detailarme Grafik. Für From-Verhältnisse sehen die Charaktermodelle im Spiel allerdings hervorragend aus!

Charaktere im Spiel

Die Charakterisierung der Jungs und Mädchen ist sparsam, nur zwei bis drei NPCs zeigen sich facettenreicher als "liest gerne Bücher" oder "ist neugierig". Das passt immerhin zur Stimmung, ihr fühlt euch, als würdet ihr einem düsteren Märchen lauschen. Unterstrichen wird dies durch die Linearität der Erzählung und die Tatsache, dass ihr weder versagen noch sterben könnt – und das bei einem From-Software-Titel! Obschon man die eindimensionalen Charaktere als effektives Mittel zum Erschaffen einer Geistergeschichte sehen kann, wirken die Dialoge und Interaktionen manches Mal befremdlich. Die Kinder siezen sich zum Beispiel untereinander. Marie macht ein Mittagsschläfchen. Ihr nutzt die Gelegenheit, um ihre Habseligkeiten zu durchwühlen.

Déraciné im Test

Ebenfalls irritierend, wenn auch durch die Zeitreisethematik logisch: Im Verlauf des Abenteuers erlebt ihr viele Szenen mehrmals. Nach jedem Kapitel kommt das Spiel mit einem abrupten Halt zum Speichern, mitsamt ausladender Ladezeit. Immerhin blitzt an vielen Stellen die Gabe From Softwares auf, mit Geräuschen und Umgebungs-Design eine melancholische Stimmung zu zaubern. Die orchestrale Musikuntermalung ist hervorragend und das Internat mitsamt Ausstattung liebevoll gestaltet. Sogar ein paar gruselige Momente hat Déraciné im Angebot. Insgesamt betrachtet dürfte die Zielgruppe des Spiels jedoch schmal ausfallen: Für Freunde von Oldschool-Point-and-Click-Adven­tures wie aktuell Leisure Suit Larry sind die Rätsel zu einfach, wer auf storylastige Spielekost wie Detroit oder Life is Strange steht, dem ist Déraciné wahrscheinlich zu konfus erzählt. Und Telltale-­Fans stören sich an an der Linearität der Geschichte. So bleiben die Fans des Teams als dankende Abnehmer, aber nur, wenn sie auf das spaßige Gameplay verzichten können, das etwa ein Dark Souls oder Bloodborne zusätzlich zu der der kryptischen Story liefern.

Fazit

Generell ist VR noch nicht so das Wahre: das Bild ist unscharf, die Kabel nerven. Ingteressant ist, wie From Software mit einem für das Studio neuen Genre umgeht. Die wenig überraschende Antwort: gar nicht mal so gut. Rein mechanisch funktioniert zwar alles, aber es ist zu wenig, um Geld für so ein Headset auf die Theke zu legen. Bloodborne- und Dark Souls-Fans wollen nun sicher wissen, ob in Déraciné Hinweise auf die beiden Werke stecken. Ja: Eine Puppe, die die „Make contact“-Ges­te aus Bloodborne zeigt, und eine gruselige Figur, die einen „Seereisenden“ darstellen soll, der Träume von Menschen heimsucht. Pikant: Bei beiden Objekten steht, sie stammen aus einer „unvollendeten Erzählung“. Bloodborne 2 confirmed?! Wer weiß das schon, einen zweiten Teil von Déraciné braucht es auf jeden Fall nicht.

Déraciné

7

Spielbarkeit

8.5/10

Design

8.0/10

Anspruch

6.5/10

Spielspaß

7.0/10

Preis

5.0/10

Pro

  • Düstere Märchenstimmung
  • Schöne Musikuntermalung und Gestaltung der Spielwelt
  • Interessante Story, allerdings muss man sich die Zusammenhänge selbst erarbeiten

Contra

  • ...durchwachsene Sprachausgabe (die englischen Sprecher sind hervorragend)
  • Ladezeiten reißen aus dem Geschehen
  • Sehr simple Rätsel

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